Samsung Galaxy S9+ im Test : Neuauflage des S8+ mit starker Dual-Kamera | handy.de
Testbericht

Samsung Galaxy S9+ im Test : Neuauflage des S8+ mit starker Dual-Kamera

Samsung-Flaggschiff überzeugt - aber nicht in allen Bereichen

Auf dem MWC 2018 zog Samsung alle Blicke auf sich. Denn eine Smartphone-Kamera mit variabler Blende hat die Welt noch nicht gesehen. Mit animierten Emojis, fast rahmenlosen 18:9-Display und Glasdesign setzt Samsung bei seinem neuen Top-Modell Galaxy S9+ zudem auf die Trends der Stunde. Welchen Mehrwert das neue Top-Gerät im Android-Lager bietet und inwiefern Samsung beim Akku unnötig patzt, zeigt unser ausführlicher Test.

Gehäuse und Verarbeitung: Meisterhaftes Schmuckstück

Bei dem Oberklasse-Neuzugang setzt Samsung wie bei der Vorgängergeneration auf ein schickes und schlankes Gehäuse mit vollflächiger Glasdeckschicht auf beiden Seiten. Geblieben ist der glatten Oberfläche aber leider auch die Anfälligkeit für Schlieren und die Rutschgefahr. Die Abmessungen (73,8 mm x 158,1 mm x 8,5 mm) des Galaxy S9+ sind minimal ausladender als beim Vorgänger. Zudem ist der Newcomer mit 189 Gramm auch geringfügig schwerer.

Dennoch wirkt das Galaxy S9+ für seine Größe kompakt und leicht. Die Verarbeitungsqualität ist makellos, ungleichmäßige Spaltmaße sind kein Thema. Rück- und Frontseite gehen nahtlos ineinander über, was prima mit dem geschwungenen und fast rahmenlosen Dual-Edge-Display harmoniert. Wie es sich für ein Oberklasse-Gerät dieser Güte gehört, ist es gemäß dem IP68-Standard staubdicht und in der Lage, ein 30-minütiges Tauchbad in 1,5 Meter tiefem Süßwasser zu überstehen. Käufer können zwischen drei Gehäusefarben wählen: Blau, Schwarz und Lila.

An der Tastenanordnung hat Samsung beim Galaxy S9+ nichts geändert. Dadurch nervt weiterhin die Bixby-Taste, die wir immer wieder viel zu leicht mit der Leiser-Taste verwechseln. Zum Glück lässt sie sich in den Einstellungen deaktivieren. Denn der nur auf Englisch verfügbare Sprachassistent Bixby ist für deutschsprachige Nutzer weiterhin keine Alternative zum Google Assistant.

Gelungen ist hingegen die Neupositionierung des Fingerabdrucksensors, der sich auf der Rückseite wieder unter statt neben der Hauptkamera befindet. Versehentliche Fehlgriffe auf die empfindliche Kameralinse sind dadurch deutlich unwahrscheinlicher geworden.

Zwischenfazit Gehäuse und Verarbeitung

Das Galaxy S9+ ist erneut ein Musterstück für hochwertiges Smartphone-Design. Die schicke Gehäusekonstruktion mit fast rahmenlosen Display setzt weiterhin Maßstäbe. Ein unglücklicher Ausreißer ist lediglich die aufdringliche Bixby-Taste.

Display des Galaxy S9+: Augenschmaus, der aus dem Rahmen fällt

Samsung hat fast rahmenlose Smartphone-Bildschirme mit langgezogenem Seitenverhältnis populär gemacht. Auch im Galaxy S9+ setzt der Hersteller auf eine solche Konstruktion, die er selbst als Infinity-Display bezeichnet. Weil sich die Seiten des imposanten 6,2 Zoll großen XXL-Displays hin zur Rückseite krümmen, wirkt die Darstellung tatsächlich fast so, als ob sie den Rahmen sprengt.

Zudem weiß das SuperAMOLED-Display mit satten Farben, einer hohen Helligkeit und einem nuancenreichen Kontrast zu begeistern. Das ändert sich auch nicht, wenn wir das Galaxy S9+ seitlich betrachten. Farben und Helligkeit bleiben auch bei spitzen Blickwinkeln stabil.

Selbst im Außeneinsatz lässt sich das Galaxy S9+, zumindest auf maximaler Helligkeit, sehr gut ablesen. An die Leuchtkraft von Fernsehern kommt es aber nach wie vor nicht heran. Filme mit vielen dunklen Szenen sollten lieber bei gedimmter Beleuchtung genossen werden. Da wundert es nicht, dass Samsung das Marketing-Vehikel der mobilen HDR dieses Mal nicht in den Vordergrund rückt.

Dem Trend folgend setzt Samsung auf ein extra langgezogenes Format, allerdings in dem etwas ungewöhnlichem Seitenverhältnis von 18,5:9. Das macht Spaß beim Surfen und Checken von Social Media. Beim Streamen von Videos erwies sich das Format im Test jedoch nicht immer als optimal. Da die meisten Sendungen noch in 16:9 ausgestrahlt werden, ist eine vollformatige Ansicht nur durch eine Skalierung möglich. Dafür sind offenbar noch nicht alle Apps optimiert. So hatte unser Testgerät beim Schauen von ”Ghost in the Shell“ in Amazon Prime Video große Probleme und wechselte ständig das Format, was das Seherlebnis beeinträchtigte.

Displayeinstellung beim Samsung Galaxy S9+ in Lilac PurpleQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Um Energie zu sparen, lässt sich die Auflösung des Displays des Galaxy S9+ reduzieren.

Nominell bietet das Galaxy S9+ mit 2.960 x 1.440 Bildpunkten (WQHD+) und einer Pixeldichte von 529 ppi eine knackscharfe Auflösung. Wer sich nicht in die Untiefen der Einstellungen bemüht, wird davon aber nicht profitieren. Denn ab Werk nutzt das Gerät nur die geringere Auflösung von Full-HD+. Vermutlich, um den ohnehin nicht überzeugenden Akku (siehe unten) nicht unnötig zu strapazieren. Dem Seherlebnis tut das allerdings keinen Abbruch. Auch so ist das Display detailreich und scharf genug.

Zwischenfazit Display

Samsung. Kann. Displays. Das beweist der Hersteller mit einer hervorragenden Bildqualität auch beim Galaxy S9+. Dabei wirkt das langgezogene Display schön schlank, bietet aber nicht immer nur Vorteile.

Sound: Dieser Lautsprecher-Klang erfüllt Räume

Videos und Spiele machen auf dem besten Display keinen Spaß, wenn der Sound unterirdisch klingt. Daher stattet Samsung das Galaxy S9+ mit sehr hochwertigen Lautsprechern und Kopfhörern aus. Sie wurden von den Audiospezialisten bei AKG entwickelt, eine Marke, die inzwischen zu Samsung gehört.

An beiden Enden des Gehäuses sind Stereo-Lautsprecher verbaut und dabei sehr clever angeordnet. Selbst beim Querhalten in beiden Händen kommen noch genug Schallwellen durch. Schon ab Werk klingt der Sound sehr respektabel. Dabei überrascht uns wie laut und dennoch verzerrungsfrei die Schallwandler aufspielen können.

Dolby Atmos beim Samsung Galaxy S9+ in Lilac PurpleQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Im Schnellmenü schalten Nutzer Dolby Atmos hinzu. Dies erzeugt eine bereitere Klangkulisse.

Doch das wahre Potenzial entfaltet sich erst, wenn Nutzer Dolby Atmos in den Schnelleinstellungen aktivieren. Dolbys Audiotechnologie schafft einen beeindruckend räumlichen Klang, der vor allem bei Filmmusik und Soundeffekten zur Geltung kommt. ”Ghost in the Shell“ bei Amazon Prime Video zu streamen hat uns dadurch gleich doppelt so viel Spaß gemacht.

Für die Fälle, in denen sich kein Lautsprecher-Einsatz anbietet, packt Samsung überdurchschnittlich gute In-Ear-Kopfhörer mit Kabelfernbedienung in den Karton. Im Vergleich zu den üblichen Kopfhörer-Beilagen bieten die kleinen Knöpfe deutlich mehr Klangqualität. Uns überzeugen im Test der knackige aber nicht übertriebene Bass sowie die breite Klangbühne. Die Höhen sind für unseren Geschmack jedoch digital etwas zu sehr angehoben und klingen dadurch sehr spitz.

Samsung Galaxy S9+ in Lilac Purple mit AKG-KopfhörernQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Samsung packt hochwertige Kopfhörer der Tochtermarke AKG in den Karton.

Zwischenfazit Sound

Samsung ist für großartige Displayqualität bekannt, lässt sich beim Galaxy S9+ aber auch in Sachen Sound nicht lumpen. Die Klangqualität der Stereo-Lautsprecher und In-Ear-Kopfhörer ist im Smartphone-Bereich sehr gut.

Prozessor und Speicher: Das Galaxy S9+ lässt die Muskeln spielen

Das Galaxy S9+ verfügt über eine Top-Rechenausstattung, da Samsung zum hauseigenen Filetstück greift, dem neuen Exynos-9810-Prozessor. Der Octa-Core-Chip taktet mit 2,7 GHz bzw. 1,9 GHz und kann auf satte 6 GB Arbeitsspeicher zurückgreifen. Typische Alltagsanwendungen bringen ihn kein bisschen aus der Ruhe. Selbst beim Zocken eines grafikintensiven 3D-Games wie Tekken, bleibt das Galaxy S9+ in unserem Test angenehm kühl. Die volle Power wirst Du vermutlich gar nicht abrufen. Messen lässt sich aber schon, wie viel PS das Smartphone wirklich unter der Haube hat.

Bei einschlägigen Benchmark-Tests übertrifft das Galaxy S9+ älteren Modelle aus eigenem Hause und denen des Wettbewerbs. Im Single-Core-Vergleich bei Geekbench 4.2 ist das Galaxy S9+ mit 3.747 Punkten fast doppelt so leistungsstark wie das nächstbeste Modell, in diesem Fall das Galaxy Note 8 (1.961 Punkte). In der Multi-Core-Disziplin von Geekbench ist das Galaxy S9+ mit 8.868 Punkten immerhin noch rund 50 Prozent schneller als das Note 8 (6477 Punkte). Im Benchmark von AnTuTu 7.0.4 schlägt das neue Galaxy-Gerät ebenfalls sämtliche Teilnehmer und ist mit 239.138 Punkten deutlich besser als der nächste Verfolger Honor View 10 (213.381 Punkte).

Beim Gaming-orientierten Benchmark 3DMark sieht das Gesamtbild etwas differenzierter aus. In der Disziplin namens Sling Shot Extreme Vulkan lässt das Galaxy S9+ mit einem Score von 2.955 alle Smartphones hinter sich. Allerdings setzt Samsung auch einen Schwerpunkt auf die Grafik-Schnittstelle Vulkan. Hingegen beim Test namens Sling Shot Extreme Unlimited, der die Grafik-Schnittstelle OpenGL ES 3.1 abklopft, muss das S9+ mit 3.413 Punkten gleich 17 Geräten den Vortritt lassen, schneidet aber immerhin noch besser ab als der direkte Vorgänger Galaxy S8+. Bei einem weiteren Test mit OpenGL fällt das Ranking ähnlich aus.

Beim internen Speicher bietet Samsung zwei Optionen. Los geht es mit 64 GB für Spiele, Musik, Filme und andere Dateien, was in der Oberklasse als Einstieg angemessen ist. Alternativ kannst Du auch zu einer Variante mit 256 GB greifen. Dazwischen gibt es nichts. Du musst aber nicht 100 Euro mehr für die größere Variante ausgeben. Mit einer Micro-SD-Karte kommst Du günstiger weg. Das Smartphone akzeptiert Speicherplättchen mit bis zu 400 GB und ist damit sehr zukunftssicher. Denn das ist eine Kapazität, die Anbieter wie SanDisk gerade erst in den Handel bringen.

Zwischenfazit Rechenhardware und Speicher

Über das Arbeitstempo des Galaxy S9+ musst Du Dir im Alltag keine Sorgen machen. Es gehört erwartungsgemäß zu den leistungsstärksten Handys, die jetzt und in den kommenden Monaten auf den Markt kommen. Wer viele Apps, Videos und Songs auf dem Handy speichern will, kommt mit 64 GB in der kleinen Variante möglicherweise nicht hin, kann aber üppig aufrüsten.

Software: So wie Android-Bedienung sein sollte

Auf dem Samsung-Smartphone läuft ab Werk Googles aktuelle Firmware Android 8.0 Oreo. Auf den kleinen Sprung auf 8.1 müssen Nutzer zum Start jedoch verzichten. Wie gewohnt, kleidet Samsung Android in eine eigene Oberfläche, die im Vergleich zum Vorgänger nur dezent verändert wurde.

Auffälligste Neuerung: Der Startbildschirm lässt sich nun auch in die Waagerechte rotieren. Ansonsten ist das Erlebnis von Samsungs Benutzeroberfläche auf gewohnt hohem Niveau, die Bedienung leicht und intuitiv. Unsere liebste Funktion sind die Querverlinkungen im Einstellungsmenü, die helfen, sich im überbordenden Funktionsumfang des Samsung Galaxy S9+ zurecht zu finden.

Von der Unart, den Speicher mit Bloatware zu verstopfen, hat sich Samsung längst gelöst. Stattdessen freuen wir uns über hochwertige Apps von Google und Microsoft.

Zwischenfazit Software

Die Oberflächenanpassung der Hersteller ist zwar ein Stück weit Geschmackssache. Aber ihr Handwerk verstehen die UI/UX-Designer bei Samsung auf jeden Fall. Die Bedienung ist flüssig, intuitiv und wird durch gute Benutzerhinweise erleichtert. Das Samsung S9+ zu bedienen, ist eine Freude.

Telefonie und Internet: Ein Kommunikationstalent erster Güte

Mit einem Smartphone zu telefonieren, rückt für viele Nutzer immer mehr in den Hintergrund. Wer das S9+ aber eben auch als mobilen Fernsprecher nutzt, erlebt eine erstklassige Sprachqualität. In unserem Test war die Verständlichkeit und Stimmwiedergabe sowohl bei Anrufen zu Handys als auch ins Festnetz einwandfrei.

Anrufe per Lautsprecher-Funktion waren jedoch  nur so lange angenehm für unsere Gesprächspartner, wie wir das Mobiltelefon nicht weiter als etwa 15 Zentimeter vom Mund entfernten. Bei einem Abstand von etwa 40 Zentimeter und einer Platzierung auf einem Holztisch waren wir viel zu leise zu verstehen. Für Konferenzsituationen ist die Freisprech-Funktion des S9+ daher nur eingeschränkt zu empfehlen.

Bei der Datenübertragung per Internet zeigt sich Samsung vorbildlich. Der LTE-Chip der Kategorie 18 ermöglicht so schnelle Transferraten, dass Du sie in Deutschland noch gar nicht ausreizen kannst. Mit WLAN bis hin zum ac-Standard sowie Bluetooth 5.0 ist auch der Kurzstreckenfunk auf dem aktuellen Stand.

Wer für Telefonie und Internet Tarife von zwei Anbietern kombinieren möchte, sollte zur DUOS-SIM-Variante greifen. Im Vergleich zur regulären Geräte-Version wird sie zwei SIM-Karten parallel betreiben können. In dem Fall hat die DUOS-SIM-Variante dann aber keinen Platz für eine Micro-SD-Karte.

Zwischenfazit Telefonie und Internet

Tolle Sprachqualität und leistungsstarker Internetanschluss machen das S9+ zu einem Oberklasse-Mobiltelefon im Wortsinne.

Kamera des Galaxy S9+: Kreative Fotos, Zeitlupen und Augmented Reality im Fokus

Variable Blende: Noch nicht weit genug gedacht

Das Glanzstück der aktuellen Galaxy-S-Generation ist die Kamera. Zum Einsatz kommt dabei, wie schon im Note 8, eine Dual-Kamera mit einem Weitwinkelobjektiv und einer doppelt so langen Brennweite, die in den Normal- bis Telebereich geht. Zwei Brennweiten einsetzen zu können, erweitert den kreativen Spielraum von Fotografen erheblich.

Samsung hat die Bildsignalverarbeitung der beiden 12-Megapixel-Sensoren und die Bildaufbereitungsalgorithmen sehr gut aufeinander abgestimmt. Die Bildqualität ist nämlich sehr überzeugend, sowohl bei gutem als auch bei schwachem Umgebungslicht. Zwar finden wir die JPG-Dateien etwas überschärft, aber diese Empfindung geht schon in den Bereich der Geschmacksfrage über.

Dazu, dass das Galaxy S9+ auch mit wenig Licht gut umgehen kann, tragen die besonders weit geöffneten Objektive bei. Der nochmals herunter geschraubte Blendenwert von f/1.5 ist Spitze und übertrumpft damit das LG V30 und Huawei Mate 10 Pro (f/1.6).

Als Weltneuheit präsentiert Samsung in der neunten Galaxy-S-Generation erstmals in einem Smartphone ein Objektiv mit variabler Blendenöffnung. Diese Fähigkeit war bislang klassischen Kameras vorbehalten. Dadurch können Nutzer im Pro-Modus der sehr gut ausgestatteten Kamera-App von f/1.5 zu f/2.4 wechseln. Obwohl Samsung über alle Maßen die Werbetrommel für dieses Kameramerkmal rührt, ist dessen praktischer Mehrwert gering.

Kameratest des Galaxy S9+ mit einer f1.5 BlendeQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Kameratest des Galaxy S9+ mit einer f1.5 Blende

Kameratest des Galaxy S9+ mit f2.4 BlendeQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Kameratest des Galaxy S9+ mit einer f2.4 Blende

Denn es gibt kaum einen Grund für Smartphone-Fotografen, nicht den Blendenwert von f/1.5 zu wählen. Die kleinere Blende f/2.4, die weniger Licht durchlässt, kommt nur dann in Frage, wenn Nutzer künstlerische Langzeitbelichtungen vornehmen wollen und f/1.5 dafür zu hell wäre und eine Überbelichtung provozieren würde. Allerdings lassen sich Leuchtspuren und Wischeffekte in der Dämmerung auch mit f/2.4 noch nicht realisieren. Bei herkömmlichen Kameras würden Nutzer Blendenwerte zwischen f/16 und f/22 wählen. Hier hat Samsung die Kamera also noch nicht weit genug gedacht.

Auch beim Aspekt der Tiefenschärfe bietet die variable Blende wenig Wirkung. Schließlich ist angesichts des kleinen Smartphone-Sensors die Schärfeebene der f/1.5-Einstellung schon groß genug, f/2.4 erhöht sie nur unwesentlich. Unsere Testfotos von der Hyazinthe veranschaulichen dies.

Die Testbilder in der Übersicht

Super-Zeitlupe mit geringer Auflösung

Ebenfalls neu ist die Möglichkeit, Schlüsselmomente bei actionreichen Video-Gelegenheiten in Super-Zeitlupe aufzunehmen. Dabei läuft der Großteil des Videos in Normalzeit ab. Registriert die Kamera jedoch besonders schnelle Bewegungen in einem mit einem Viereck gekennzeichneten Bereich des Bildes, nimmt sie die Sequenz mit bis zu 960 Bildern pro Sekunde auf. Nach der Aufnahme lassen sich diese Schlüsselmomente in Super-Zeitlupe abspielen, was einen Effekt wie im Film ”The Matrix“ erzeugt.

Was aufregend klingt, betrachten wir jedoch lediglich als unterhaltsamen Party-Gag. Denn für präzise Slow-Motion-Filmerei ist die Funktion zu unflexibel. Schließlich haben Nutzer praktisch keinen Einfluss darauf hat, welche Momente in Super-Zeitlupe dargestellt werden. In unserem Test in einer Trampolin-Freizeithalle entschied sich die Software häufig für nebensächliche Bewegungen anstatt für die Höhepunkte des Geschehens.

Darüber hinaus reduziert die Super-Zeitlupen-Funktion die Auflösung auf den HD-ready-Standard 720p. Dadurch wirken die Aufnahmen zum Teil äußerst pixelig und vermiesen das Seherlebnis.

Smiley-Karikaturen in Augmented Reality

Nachdem Apple mit Animojis bewegte 3D-Emoticons ins Gespräch gebracht hat, rüstet auch Samsung diese Option nach. Beim Galaxy S9+ heißt die Funktion AR-Emoji. Dabei vermessen wahlweise die Rück- und die Frontkamera das Gesicht des Betrachters und erstellen daraus ein Abbild im animierten Comic-Look. Als Icon in der Tastatur verfügbar, können Nutzer den AR-Emoji in vielen Varianten per Messenger-App verschicken.

AR-Emoji von Berti Kolbow-LehradtQuelle: Berti Kolbow-Lehradt / handy.de
Der AR-Emoji von Berti.

Zum Teil beeindruckend finden wir im Test den Realismusgrad. Details wie Narben oder Warzen finden sich auch beim Avatar wieder. Die automatische Erkennung des Gesichts- und der Haarfarbe hängt hingegen sehr stark von gutem oder schlechtem Umgebungslicht ab. Außerdem ist die Übersetzung der Mimik träge und ungenau. Da eine Gratis-App wie Bitmoji kaum weniger bietet, sind Samsungs AR-Emojis ein amüsantes Gimmick, das die Kaufentscheidung für oder gegen das teure Gerät nicht beeinflussen sollte.

Zwischenfazit Kamera

Das Galaxy S9+ bietet im Test neben einer üppig ausgestatteten Kamera-App auch eine überzeugende Bildqualität auf höchstem Smartphone-Niveau. Die Lichtstärke der f/1.5-Linse und das Teleobjektiv samt Bokeh-Effekt bieten echten Mehrwert. Allerdings sind die variable Blende, Super-Zeitlupe und AR-Emojis nur mehr ”nice to have“. Diese Features sind einfach noch nicht ausgereift genug, um  als Kaufargument zu dienen.

Akku: Das Galaxy S9+ ist zu gierig beim Stromverbrauch

Weil wir von einem Flaggschiff-Smartphone viel erwarten, haben wir das Galaxy S9+ eine harten, 24-stündigen Test-Parcours durchlaufen lassen. Dabei hat sich das Gerät nicht begeisternd geschlagen, obwohl der Akku mit einer Kapazität von 3.500 mAh überdurchschnittlich gut munitioniert ist.

Denn schon nach achtstündiger aktiver Nutzung ging der Energiespender mit nur noch 27 Prozent Kapazität auf dem Zahnfleisch. In diesem Zeitraum haben wir mit dem Samsung-Smartphone jeweils eine halbe Stunde HD-Video und Musik gestreamt, ein 3D-Spiel gezockt, fotografiert und gefilmt, danach im Browser gesurft und schließlich Social Media gecheckt. Es sollte eine 16-stündige Standby-Phase folgen, in der es der Akku nicht mehr über die Ziellinie schaffte. Bereits nach insgesamt 22 Stunden Laufzeit verließen das Galaxy S9+ sämtliche Kräfte.

Zwar haben wir dem Akku in unserem Test-Parcours alles abverlangt. So blieben während der gesamten Zeit über WLAN, Bluetooth und GPS aktiviert, was eher dem Szenario eines Heavy Users entspricht. Aber trotzdem haben wir vom Marktführer einfach ein besseres Energiemanagement erwartet. Denn insbesondere in der Standby-Phase über Nacht ging zu viel Kapazität verloren. Im Vergleich dazu hat sich das kleinere Geschwisterchen, das Galaxy S9, etwas besser geschlagen. Dies verdeutlicht ein Manko bei den großen XXL-Displays. Sie zu beleuchten kostet einfach viel Strom.

Leider lässt sich das Galaxy S9+ zumindest per Kabel auch nicht im Schnellverfahren aufladen. Denn auf die Quick-Charge-Funktion hat Samsung bei diesem Modell verzichtet. Nur beim induktiven Laden kann ein Schnelladeverfahren zum Einsatz kommen, sofern die Dockingstation damit kompatibel ist.

Zwischenfazit Akku

Bei der Energieversorgung blamiert sich Samsungs neues Top-Gerät. Denn mit dem Strom des an sich nicht kleinen Akkus weiß das Modell in unserem Test nicht gut hauszuhalten. Das ist nicht standesgemäß für ein Gerät mit Referenzanspruch. Wir hoffen, dass ein Software-Update die Algorithmen für das Energiemanagement überarbeitet.

Schnittstellen und Sensoren: Guck‘ mal, wer da drückt!

Die Ausstattung mit Schnittstellen und Sensoren ist bei Samsungs neuem Spitzen-Smartphone vorbildlich. An Standards wie einem Micro-SD-Schacht und einem Slot für USB Typ-C spart Samsung ebenso nicht wie an einer Klinkenbuchse. Nicht jeder möchte eben auf Bluetooth-Kopfhörer angewiesen sein oder ständig mit den passenden Adaptern herumrennen.

Zum Entsperren des Displays können Nutzer ihren Finger, ihre Iris und ihr Gesicht verwenden. Diese Auswahl ist nirgendwo sonst zu finden. Ob du Dich für das Scannen von Gesichtsmerkmalen oder Deines Auges entscheidest, solltest Du davon abhängig machen, ob Du Brillenträger bist oder nicht. Die Iris-Erkennung wird von Samsung nur ohne Sehhilfe empfohlen und funktionierte folgerichtig auch nicht, als wir eine aufsetzten.

Was Geschwindigkeit und Präzision betrifft, bevorzugten wir im Test jedoch den Fingerabdrucksensor. Denn offenbar wurde der Sensor nicht nur neu platziert, sondern auch technisch verbessert. Eine so rasend schnelle und genaue Entsperrung per Fingerabdruck kennen wir sonst nur von Huawei-Smartphones. Auf eine Navigationsfunktion wie bei Huaweis Fingerabdruckscannern verzichtet Samsung jedoch.

Zudem ist der Einsatz des Fingers im Alltag praktischer. Diese Entsperrmethode funktioniert nämlich auch dann, wenn wir das Gerät nicht direkt vors Gesicht halten. Außerdem setzt der Iris- und Gesichtsscan erst das Drücken der Standby-Taste und einen Wisch über den Sperrbildschirm voraus. Umständlich!

Zwischenfazit Schnittstellen und Sensoren

In punkto Schnittstellen und Sensoren lässt Samsung es an nichts vermissen. So kommunikationsfreudig ist kaum ein Smartphone.

Preis: Samsung will zu viel für das S9+

Für das Galaxy S9+ mit 64 GB Speicher ruft Samsung zum Marktstart einen Preis von 949 Euro auf. Für die nur im Online-Store von Samsung erhältliche 256-GB-Version werden gar 1.049 Euro fällig. Natürlich ist das Gerät im Vertrag zum Teil günstiger und per Ratenzahlung zu haben. Dennoch stellt sich die Frage: Ist das Galaxy S9+ seinen hohen Preis wert?

Das Galaxy S9+ ist in vielerlei Hinsicht einfach ein tolles Flaggschiff, das zurecht wieder zur Marktspitze gehört und daher auch teuer sein darf. Dennoch bietet es im Test gegenüber dem Vorgänger S8+ überwiegend Neuigkeiten, die wir im ”Nice to have“-Bereich verorten. Dennoch kostet das S9+ zum Marktstart 50 Euro mehr als sein ohnehin schon hochpreisiger Vorgänger. Da der Wettbewerb im Android-Bereich sehr eng ist und Herausforderer für weniger Geld ein im Alltag völlig ausreichendes Smartphone-Erlebnis bieten, halten wir den Preis für das S9+ als zu hoch angesetzt.

Test-Fazit: Samsung holt zu wenig aus dem S9+ heraus

Das Galaxy S9+ bietet im im Test in vielen Kriterien Top-Leistungen, weshalb Samsung auch mit seinem neuen Flaggschiff im Android-Markt Maßstäbe setzt. An Design, Display und Rechen-Performance gibt es nichts auszusetzen. Der Dolby-Atmos-Sound begeistert uns sogar regelrecht. Auch die sonstige Ausstattung ist beeindruckend.

Darüber hinaus setzt Samsung mit Innovationen im Bereich Kamera und Augmented Reality den Hebel in sinnvollen Bereichen an und zeigt dem Markt, wo die Reise hingehen muss. Die konkrete Umsetzung dieser Innovationen ist aber hier nicht mehr als ein Zwischenschritt, der von Samsung viel zu übertrieben beworben wird.

Testsiegel Galaxy S9+Quelle: handy.de
Denn in punkto Kamera bieten nur der lichtstärkere Blendenwert von f/1.5 und das Teleobjektiv mit seinem Bokeh-Effekt einen wirklichen Mehrwert. Hingegen klingen die variable Blendenauswahl und die Superzeitlupe auf dem Papier vorteilhafter als sie in der Praxis sind. Nach kurzem Ausprobieren werden sie im Alltag der meisten Nutzer in der Bedeutungslosigkeit verschwinden. Das gleiche gilt für die unterhaltsamen AR-Emojis. Sie sind besser umgesetzt als bei Apple und Sony, bieten aber bestenfalls einen Vorgeschmack darauf, wie stark Augmented Reality die Kommunikation dereinst verändern könnte.

Stattdessen wäre es sinnvoller gewesen, wenn Samsung in die Energieversorgung investiert hätte, also in eine wirklich drängende Problemzone der Smartphone-Welt. Die Akkulaufzeit des S9+ ist nämlich maximal solide. Sie ragt aber keinesfalls so heraus, wie es eines Flaggschiffs würdig wäre. Aus diesem Grund erreicht das Galaxy S9+ in unserer Wertung nicht die volle Punktzahl.

Unterm Strich ist das Samsung Galaxy S9+ daher ein tolles Oberklasse-Smartphone, das im Test Spaß macht und in Ansätzen die Zukunft aufzeigt, aber im gestiegenen Preis mehr voran prescht als in dem Mehrwert, den es gegenüber dem Vorgänger bietet.

Durch Klick auf das Video willigst Du unserer Datenschutzerklärung und der Speicherung von Dir angegebener, personenbezogener Daten durch YouTube zu.