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KI-Fotografie: Kamera-Apps von Huawei, Honor und LG ausprobiert

So verhilft Dir künstliche Intelligenz zu besseren Bildern

Schöne Momente zu fotografieren macht Spaß, kann aber auch sehr kompliziert sein. Oft sieht das Bild auf dem Smartphone-Display nicht so beeindruckend aus, wie Du die Fotogelegenheit in Erinnerung hast. Häufig gibt es keine zweite Chance, weil der Moment vorbei ist. Intelligente Kamera-Apps versprechen Abhilfe. Mithilfe von Software, die künstliche Intelligenz verwendet, wollen immer mehr Hersteller das Fotografieren erleichtern. Dadurch sollen Dir Bilder gleich bei der ersten Aufnahme gelingen. Die KI-Fotografie ist noch jung. Was leistet sie inzwischen? Wir haben es mit drei Smartphones von Huawei, Honor und LG ausprobiert.

Das steckt hinter der KI-Fotografie

Für ein eindrucksvolles Foto müssen Schärfe, Belichtung und Farben stimmen. Doch die Realität sieht oft anders aus. Mal ist das Motiv viel zu dunkel und der Rest zu hell, mal stören flaue Farben oder ein unruhiger Hintergrund und mal ist das Bild leider verwackelt.

Schon seit Jahrzehnten versuchen Motivautomatiken und Szenenprogramme Kamera-Nutzern die Wahl der richtigen Einstellungen abzunehmen – mit mal mehr und mal weniger Erfolg. Doch noch nie war die Kamera-Software so leistungsstark wie die in aktuellen Smartphone-Generationen. Deshalb kann heutige Rechenhardware viel schneller und präziser eine Fotosituation analysieren und entsprechende Einstellungen anwenden.

Das liegt zum einen daran, dass leistungsstärkere Prozessoren an sich immer mehr Muskelmasse haben, um schwere Arbeiten schnell erledigen zu können. Zum anderen hängt dies aber auch damit zusammen, dass ihre Konstrukteure sie mithilfe Künstlicher Intelligenz „denken“ lassen wie ein menschliches Gehirn. Das ermöglicht Rechenverfahren, die sich wie ein Netz von Nervenzellen mit viele kleinen Teilaufgaben gleichzeitig befassen können statt größere Probleme hintereinander abzuarbeiten. Dadurch eignen sich KI-Methoden sehr gut für die Analyse von Bildmustern, anhand derer die Software unterscheidet, ob die Kamera gerade eine Katze oder ein schwarzes Handtuch aufnimmt.

Das Huawei Mate 10 Pro zeichnet sich vor allem durch seinen neuromorphen Prozessor aus. Was das genau bedeutet, und warum das die Zukunft im Smartphone-Bereich ist, verraten wir Dir hier.

Erstmals rückte das Huawei Mate 10 Pro die KI-Fotografie in den Fokus der Smartphone-Welt. Inzwischen greifen immer mehr Hersteller das Thema auf. Huawei nimmt weiterhin eine Voreiterrolle ein. Davon profitiert auch die Tochtermarke Honor. Neben diesem Marken-Duo spielt LG Electronics das Thema stark. Daher haben wir uns entschieden, je ein Modell mit KI-Kamera dieser Marken auszuprobieren. Dabei handelt es sich um das Huawei P20 Pro (zum ausführlichen Test), das Honor 10 (zum ausführlichen Test) und das LG G7 ThinQ (zum ausführlichen Test).

Wie Du die KI-Fotografie verwendest

Die KI-Funktion ist direkt in die drei getesteten Kamera-Apps eingebaut. Dort stellt sie eine Zusatzfunktion dar, die Du per Menüeintrag ein- und ausschaltest. Apps von anderen Software-Entwicklern können nicht auf die KI-Software zugreifen.

In den App-Menüs verwenden die Hersteller die Abkürzung des englischen Begriffs Artificial Intelligence, also „AI“. Beim Honor 10 entscheidest Du mittels des AI-Piktogramms in der oberen Funktionsleiste, ob Du die Kamera „mitdenken“ lässt. Im LG G7 aktiverst Du dafür rechts über dem Auslöseknopf den Eintrag „AI Cam“. Die KI-Funktion ist im P20 Pro ab Werk aktiviert. Willst Du sie ausschalten, erlaubt Dir das der Eintrag „Master AI“. Huawei versteckt diese Möglichkeit in den Einstellungen.

Verzichtest du auf die KI-Fotografie, greift Dir die Software trotzdem weiter unter die Arme. Alle drei Kamera-Apps belichten und fokussieren nämlich dennoch vollautomatisch. Ohne KI-Unterstützung halten sie sich dann allerdings vergleichsweise zurück und sorgen nur für ein fototechnisch gelungenes Bild, nehmen aber keinen Einfluss auf die künstlerische Wirkung.

KI-Fotos erkennen

Ist die KI-Funktion aktiviert, signalisiert Dir die Kamera-App mittels einer eingeblendeten Bezeichnung verschiedener Motivkategorien, dass sie ein Szenario erkannt hat und die Einstellungen entsprechend anpasst.

Fällt Dir der Unterschied von Fotos mit und ohne KI-Unterstützung nicht mit eigenen Augen auf, informiert Dich nur das Honor 10 in der Galerie-App über den verwendeten Modus. In der Bilderübersicht sind entsprechende Aufnahmen mit einem AI-Icon versehen.

Gefällt Dir das Ergebnis nicht, ermöglicht Dir das Honor 10 in der Einzelansicht des Bildes, die von der KI vorgenommenen Änderungen per Knopfdruck zu entfernen. Nicht mit KI aufgenommene Bilder lassen sich jedoch nicht nachträglich in solche verwandeln.

Obwohl Huaweis Foto-Software als Vorbild für Honor fungiert, bietet das P20 Pro keine Unterscheidungshilfe und keinen Reset-Knopf. Ebenso wenig wie das LG G7 ThinQ.

In den Metainformationen der Bilddateien lässt sich bei keinem der drei Geräte ein direkter Hinweis auf die KI-Fotografie finden. Allerdings belegen die KI-Bilder des Honor 10 und Huawei P20 Pro je nach Motiv fast doppelt so viel Speicherplatz.

Bei dieser Fahndungsmaßnahme fiel uns übrigens auf, dass mit KI-Unterstützung fotografierte Aufnahmen grundsätzlich im JPG-Format vorliegen, nicht aber in einem RAW-Standard wie DNG speicherbar sind. Was die Kamera-Software mittels KI-Einsatz produziert, lässt sich in Bildbearbeitungsapps also nur bedingt ändern. Umso wichtiger ist die Frage, wie gefällig die Bildergebnisse der KI-Fotografie ausfallen.

So hilfreich ist KI-Fotografie in der Praxis

Die Hilfsbereitschaft der KI-Fotografie von Huawei, Honor und LG ist sehr umfangreich. So kennt die Software des LG G7 19 verschiedene Motivkategorien, das Huawei P20 Pro ebenso viele und das Honor unterscheidet gar 22 davon. Einschließlich Unterkategorien und Variationen wollen Huawei und Honor Anwender bei 500 Fotoszenarien unterstützen können. Dazu zählen beispielsweise Porträts von Menschen und Haustieren sowie Landschaften bei auf- und untergehender Sonne, mit Schnee darauf oder blauem Himmel darüber. Aufnahmen von Natur, Mahlzeiten, Textdokumenten und viele anderen Fotogelegenheiten gehören ebenfalls dazu. Wir haben zwar nicht alle denkbaren Motive ausprobiert, aber einen aussagekräftigen Eindruck anhand von Stichproben gewonnen.

Die drei Hersteller haben ihre künstliche Intelligenz offenbar gut trainiert. Daher ist die Trefferrate erkannter Motive recht hoch. Nur in seltenen Fällen erkennen die Geräte ein Motiv nicht. Das war zum Beispiel bei einer Szene mit Kater Mohrle der Fall. Dann verwendete alle Kamera-Apps bei ein- und ausgeschalteter KI die herkömmliche Vollautomatik, sodass die Bildeinstellungen identisch ausfielen.

In Einzelfällen erwiesen sich die Geräte als unterschiedlich stark. Beispielsweise identifizierte nur das LG G7 eine Obst-Komposition als solche. Das Honor 10 erkannte die Früchte nicht und fuhr die Farbsättigung pauschal hoch, während das P20 Pro einfach nur mit der normalen Vollautomatik auslöste.

Problematisch wird es zudem generell, wenn das Bild Merkmale mehrerer Kategorien aufweist. Dann scheint die Software zu würfeln, welche Einstellungen empfehlenswerter sind. Entscheidet sie sich zum Beispiel für ein Pflanzen-Motiv und gegen eines mit Blumen, führt eine erhöhte Sättigung der grünen Blätter zu Farbstichen bei Blüten. Händisch eingreifen und die gewählte Szenenautomatik ändern, lässt keine der drei ausprobierten Kamera-Apps zu.

KI oder nicht ist oft eine Geschmacksfrage

Ein beherzter Eingriff in die Farbwiedergabe ist die auffälligste Änderung im Vergleich zum vollautomatischen Modus ohne KI-Fotografie. Im Gegensatz dazu unterscheidet sich die Aufhellung von Schatten und die Abdunklung zu heller Stellen in beiden Fällen kaum. KI macht das Gras grüner, den Himmel blauer und lässt bunte Früchte kräftig leuchten.

Eine Neigung zu starker Sättigung fällt uns beim Honor 10 und LG G7 auf, während Huaweis Master AI dezenter vorgeht. Sonnenuntergänge wirken beim Honor 10 und LG G7 fast schon gemalt statt fotografiert. Huaweis Master AI geht hingegen beim P20 Pro in Sachen Farbkorrektur insbesondere bei Aufnahmen mit viel Himmel dezenter vor, sodass kaum ein Unterschied zu Bildern ohne KI-Fotografie zu erkennen ist. Was uns und was Dir gefällt, ist aber Geschmackssache. Alle Vergleichsbilder findest Du in der folgenden Bildergalerie:

Vor diesem Hintergrund lässt sich in einem großen Teil der Fälle bei der KI-Fotografie nicht von einer objektiven Verbesserung sprechen. Vielmehr handelt es sich um ein ästhetisches Angebot, dass Du annehmen oder ausschlagen kannst.

Vorteile der KI-Motivautomatik

In nur wenigen Aspekten haben wir einen echten Qualitätsunterschied festgestellt. Das betrifft die Aufnahme von Porträts, Textdokumenten und bei Nacht. So ergänzen alle drei Geräte bei Aufnahmen von Gesichtern automatisch ein Bokeh, das den Hintergrund durch Unschärfe vom Hauptmotiv isoliert. Bei keinem Modell musst Du dafür extra den separaten Porträtmodus aktivieren. Bei der Dokumentenerkennung schneidet nur das P20 Pro automatisch die Ränder rund um das Papierstück weg, sodass die Datei sofort einsatzbereit ist. Das Honor-Gerät sorgt immerhin noch für die richtige Ausrichtung, während das LG-Modell nur Farben und Kontrast optimiert.

Spektakulär: KI-Nachtfotos mit dem Huawei P20 Pro

Eine kleine Sensation offenbarte sich uns beim Test des Nachtmodus im Huawei P20 Pro. Dabei fotografiert das Gerät mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungswerten, liegt sie übereinander und rechnet verwischte Pixel heraus. Das Ergebnis ist ein knackscharfes HDR-Foto mit ausgewogener Belichtung und brillanten Farben – und das aus freier Hand.

Zwar verfügt das Honor 10 auch über einen separaten Nachtmodus und das LG G7 kann Nachtaufnahmen stark aufhellen. Allerdings sind die Geräte nicht in der Lage, die unvermeidlichen Verwacklungen, die bei Langzeitbelichtungen aus freier Hand entstehen, zu kompensieren.

Nachtaufnahme KI-Fotografie Huawei P20 Pro
Der KI-gestützte Nachtmodus des Huawei P20 Pro ermöglicht Langzeitbelichtungen aus freier Hand. Dieses Foto vom Schloss in Bad Pyrmont entstand am späten Abend ohne Stativ.

Huaweis KI-gestützte Bildstabilisierung (AIS) ist vor diesem Hintergrund ein Feature, das gern zum Trend werden darf. Eine Alternative ist schon in Sicht: Adobe entwickelt eine vergleichbare Funktion für die Kamera der Lightroom-App. Für iPhone-Nutzer ist sie als Beta-Version bereits freigeschaltet.

Test-Fazit KI-Fotografie

Folgt man dem Werbegetrommel der Hersteller, erfinden sie mithilfe künstlicher Intelligenz das Fotografieren derzeit neu. Doch zum Kauf eines Smartphones, das mit KI bzw. AI angepriesen wird, solltest Du Dich nicht blindlinks verleiten lassen. Schließlich ist die Motiverkennung mit Szenenautomatik nichts Neues. Aufgrund höherer Rechenleistung und schlauerer Rechenleistung sind nun lediglich mehr Nuancen möglich, wie ein Motiv belichtet und farbkorrigiert wird.

Außerdem ist die Bearbeitung der Bilder durch KI ein Interpretationsangebot, das nicht Deinen Erwartungen entsprechen muss. Der kreative Spielraum ist zu groß, als dass eine KI eine allgemeingültige Antwort präsentieren könnte. Bearbeitest Du das Bild selbst, kannst Du zu einem passenderen Ergebnis kommen. Denn mehr als eine gute Bildbearbeitungssoftware leistet die KI-gestützte Motiverkennung im P20 Pro, Honor 10 und LG G7 ThinQ nicht. Darüber hinaus waren wir bei unseren drei Testmustern auch mit der Leistung der Vollautomatik ohne KI-Unterstützung mehr als zufrieden.

Stattdessen wirklich aus den Socken gehauen hat uns die KI-Fotografie bei Nachtaufnahmen ohne Stativ. Im Schärfen verwackelter Bilder, Öffnen geschlossener Augen, Entfernen störender Bildteile und Sortieren von Bilderbergen liegen die wirklichen fotografischen Probleme, die KI lösen kann. Neuartige leistungsstarke Foto-Software ermöglicht bereits große Fortschritte, ohne dass die Reise bereits zu Ende wäre. Ob allerdings KI darin steckt oder herkömmliche gestrickte Software das Fotografieren erleichtert, kann Anwendern dann eigentlich egal sein.